Irgendwann in den Neunzigerjahren wurde in vielen evangelikalen Gemeinden eine Geste populär, die seither nicht mehr verschwunden ist: der hochgestreckte Arm. Ein Song läuft, die Stimmung steigt, der Prediger ruft zur Entscheidung – und wer jetzt seinen Arm hebt, ist dabei. Wer Augen öffnet, sieht Hände. Hände als Beweis. Hände als Quittung. Hände als sichtbarer Moment des Glaubensentstehens.

Ich sage das nicht, um mich über diese Praxis lustig zu machen. Ich sage es, weil sie symptomatisch ist für etwas, das tief im modernen Christentum verwurzelt sitzt – eine Überzeugung, die selten laut ausgesprochen wird, aber überall wirkt: Glaube ist etwas, das ich mache. Er entsteht in dem Moment, in dem ich mich entscheide. Er wächst, wenn ich hart genug an ihm arbeite. Er schwindet, wenn ich nachlässig werde. Er ist mein Projekt.

Diese Überzeugung ist falsch. Und die Konsequenzen davon sind nicht gerade harmlos.

Die Selbstoptimierungsindustrie hat einen religiösen Bruder

Wer heute durch christliche Buchläden schlendert – oder durch die entsprechenden Regale bei Amazon –, findet eine Bibliothek der Leistung. Sieben Schritte zu einem tieferen Glauben. Dreißig Tage für ein verwandeltes Herz. Die zehn Gewohnheiten geistlich reifer Menschen. Es ist kein Zufall, dass diese Bücher ähnlich klingen wie ihre weltlichen Geschwister: Atomic Habits, The 5 AM Club, Tools of Titans. Die Struktur ist identisch. Das Versprechen ist identisch. Nur das Ziel heißt jetzt nicht Produktivität, sondern Heiligkeit.

Der Glaube ist zum persönlichen Wachstumsprojekt geworden. Und wir merken es kaum noch, weil wir so tief darin stecken.

Dallas Willard hat in seiner nüchternen Art darauf hingewiesen, dass spirituelle Formation nicht dasselbe ist wie spirituelle Anstrengung. Transformation, schreibt er, ist das Werk der Gnade – nicht das Ergebnis unserer Willensleistung. Wer Christusähnlichkeit als etwas betrachtet, das er sich erarbeiten kann, hat das Evangelium noch nicht gehört. Er hat etwas anderes gehört: ein Gesetz mit religiöser Verpackung.

Fides ex auditu – eine vergessene Theologie

Paulus schreibt im Römerbrief einen Satz, den Luther als Schlüssel zur ganzen Schrift betrachtete: So kommt der Glaube aus der Predigt, das Hören aber durch das Wort Christi. Fides ex auditu. Glaube kommt vom Hören. Nicht vom Entscheiden. Nicht vom Anstrengen. Nicht vom Armheben.

Das klingt simpel. Aber es ist eine theologische Bombe, die jahrhundertelang entschärft wurde – weil sie dem menschlichen Selbstverständnis direkt widerspricht. Wir wollen Glaube als etwas verstehen, das wir produzieren. Luther bestand darauf, dass er empfangen wird.

Fides passiva nannte die lutherische Tradition das. Passiver Glaube. Nicht Gleichgültigkeit. Nicht Trägheit. Sondern ein Glaube, der nicht aus mir herauskommt, sondern in mich hineinfällt – durch das Wort, durch die Taufe, durch das Abendmahl. Die Mittel der Gnade sind keine Hilfsmittel für den Glauben. Sie sind seine Quellen.

Das ändert alles. Oder es sollte alles ändern.

Was die Glaubensindustrie verschweigt

Es gibt eine Szene im Film Schindlers Liste, die mich nicht loslässt. Oskar Schindler steht am Ende vor den Menschen, die er gerettet hat. Er bricht zusammen. Zeigt auf sein Auto. Dieser Ring. Diese Anstecknadel. Ich hätte noch mehr retten können. Ich hätte mehr geben können. Es reicht nie. Die Leistung ist nie groß genug.

So fühlt sich modernes spirituelles Leben oft an. Die Andacht war zu kurz. Das Gebet zu oberflächlich. Der Gottesdienst zu selten. Der Glaube zu klein. Es reicht nie. Wer Glauben als Leistung versteht, lebt in permanenter geistlicher Überforderung – oder in der Betäubung, die darauf folgt.

Die Glaubensindustrie lebt von diesem Mangel. Sie verkauft das nächste Buch, den nächsten Kurs, das nächste Retreat als Lösung. Und damit vertieft sie das eigentliche Problem: Sie bestätigt die Überzeugung, dass du mehr tun müsstest, mehr sein müsstest, mehr leisten müsstest. Du bist das Problem. Und du bist die Lösung (möglicherweise zusammen mit dem Buch).

Das Evangelium sagt etwas anderes.

Gott kommt von außen

Die reformatorische Theologie hat einen Begriff dafür entwickelt, der in kaum einem modernen Andachtsbuch vorkommt: extra nos. Von außen. Das Heil kommt von außen. Die Rechtfertigung kommt von außen. Und damit auch der Glaube – er kommt von außen.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem Evangelium und allem anderen. Religion im Allgemeinen ist der Weg des Menschen zu Gott. Das Evangelium ist der Weg Gottes zum Menschen. Der Mensch ist nicht der Ausgangspunkt. Gott ist der Ausgangspunkt. Der Mensch ist Empfänger.

Das lutherische Bekenntnis formuliert es mit einer Präzision, die man sich immer wieder vor Augen halten muss: Durch Wort und Sakrament gibt Gott den Heiligen Geist, der den Glauben wirkt – wo und wann er will. Nicht: wo und wann der Mensch die richtigen Voraussetzungen mitbringt. Sondern: wo und wann Gott es gefällt.

Das ist keine Einladung zur Passivität. Es ist eine Einladung zur Freiheit.

Was Pastoren damit anfangen sollen

Wenn Glaube nicht produziert, sondern empfangen wird – was soll die Kirche dann tun? Was soll der Prediger tun? Was soll der Gottesdienst leisten?

Weniger, als wir denken. Und mehr, als wir ahnen.

Weniger: kein spirituelles Leistungsprogramm mehr. Kein System, das Glauben erzwingt oder simuliert. Keine sieben Schritte. Keine Arm-Heben-Momente als Beweis für das, was Gott angeblich tut. Der Prediger ist kein Glaubensproduzent.

Mehr: das Wort sprechen. Die Sakramente feiern. Die Absolution verkünden. Und dann loslassen. Die Wirkung ist nicht in den Händen des Predigers. Sie war es nie. Das ist nicht Resignation. Das ist Theologie.

Eugene Peterson hat sein Leben damit verbracht, Pastoren daran zu erinnern, dass ihre Aufgabe bescheidener und zugleich größer ist, als sie denken. Nicht Manager geistlicher Prozesse sein. Nicht Motivatoren religiöser Gefühle. Sondern Zeugen eines Wortes, das tut, was es sagt. Das Wort arbeitet. Der Prediger begleitet.

Ein anderer Blick auf den Zweifel

Wenn Glaube nicht meine Leistung ist, ändert sich auch, was Zweifel bedeutet. Zweifel ist dann nicht mehr ein Beweis dafür, dass ich gescheitert bin. Nicht mehr ein Zeichen mangelnder Anstrengung. Nicht mehr das, was passiert, wenn ich die falschen Bücher gelesen habe.

Zweifel ist der normale Zustand eines Menschen, der ehrlich ist. Und das Evangelium ist nicht für Menschen gedacht, die starken Glauben mitbringen. Es ist für Menschen gedacht, die keinen haben. Das Wort schafft, was es ansagt. Auch dort. Gerade dort.

Luther schrieb auf dem Totenbett: Wir sind Bettler, das ist wahr. Nicht: Wir sind Sieger, das ist wahr. Bettler. Menschen, die empfangen, weil sie nichts haben, was sie mitbringen könnten.

Glaube entsteht nicht dort, wo wir stark genug sind, ihn zu halten. Er entsteht dort, wo Gott spricht. An einem Taufbecken. An einem Abendmahlstisch. In einem Satz, den jemand liest und nicht versteht und der ihn trotzdem nicht loslässt.

Und das – das braucht deine Entscheidung nicht.